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Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde 2000
Veranstaltungen GeoGalerie Exkursionen Symposien
Von Humboldt-Ritter-Penck-Stiftung Organisatorisches Mitglieder Übersicht aller Veranstaltungen
Heinrich Barth und die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin
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Veranstaltungen
Abendvorträge
Auch im Berichtsjahr 2000 konnte die GfE eine Reihe von Abendvorträgen mit vielseitigen Themen anbieten, die überwiegend gut besucht waren. Die übliche Einteilung in Trimester mit jeweils 3
Vorträgen wurde beibehalten, daneben fanden 6 ‘Besondere Vorträge’ statt (s. Zusammenstellung Schluß).
Das erste Trimester (Jan.-März) stand unter dem Rahmenthema ‘Weltweite Veränderungen in der Natur’. Eine anschauliche Einführung gab Dr. G. Berz von der Münchner
Rückversicherungs-Gesellschaft mit einem Überblick über die Naturkatastrophen im vergangenen Jahr (s. Verhandlungen 1999; die Versicherung will der GfE auch künftig ihre Zusammenstellungen zusenden, die in den
Verhandlungen erscheinen werden). Er stellte eine dramatische Zunahme mit einer hohen Anzahl von Toten, Verletzten und Obdachlosen fest, wobei erhebliche Kosten entstanden. Die Folgen sind auch auf die wachsenden
Risikozonen, eine zunehmende Verstädterung und anfällige Infrastrukturen zurückzuführen. Inwieweit dabei die Erwärmung der Erdatmosphäre eine Rolle spielt, wurde in den folgenden Vorträgen über den Treibhauseffekt
und den langzeitlichen Klimawandel von Experten untersucht und zur Diskussion gestellt. Vor allem ist der Anteil des Menschen als Auslöser von CO2-Emissionen, der mit der Industrialisierung in neuerer Zeit begann,
noch umstritten.
Das 2. Trimester bestimmten drei Vorträge über China: Sinkiang als ‘Drehscheibe’ zentralasiatischer Völker, wo mit zunehmendem chinesischen Einfluß ethnische Konflikte und ökonomische
Probleme erwachsen; die Seidenstraße in ihrer kulturhistorischen und gegenwärtigen Bedeutung sowie die aktuellen Funktionen von Hong Kong und Macau nach ihrer Rückgabe an China boten gute Beispiele für den Wandel in
Asien.
Wachstum und Problematik von Megastädten waren Themen der Vorträge im 3. Trimester (Okt.-Dez.). Vorgestellt wurden Sao Paulo, mit 17 Mill. Einwohnern die bedeutendste Metropole Südamerikas,
Bangkok und Tokio. Als gemeinsame Probleme stellten die Referenten die bauliche Verdichtung, Ver- und Entsorgung, Verkehrsbewältigung und Umweltverschmutzung, vor allem aber zunehmende soziale Gegensätze und
Konflikte heraus. Sehr anschaulich wurden diese anhand von Einzelschicksalen in Bangkok behandelt, wie sie von der Referentin, Frau Prof. Kraas, beobachtet wurden. Die Frage, ob die Ballungsräume als eine Art
Zukunftsmodell zu betrachten sind, stellte sich besonders bei Tokio und ergab eine kontroverse Diskussion.
Besondere Vorträge
Die Besonderen Vorträge, die bei sich bietender Gelegenheit oder besonderer Aktualität eingeschoben werden, boten eine bunte Mischung an Themen.
Zusammen mit der Ausstellung in der GeoGalerie stand ein Vortrag über den Jemen auf dem Programm, dessen Teilstaaten sich 1990 vereinigten. Von besonderem Interesse waren die Ausführungen
über die Einbeziehung autochthoner Strukturen in die angestrebte Demokratisierung. Der in allen Medien herausgestellte Anstieg der Weltbevölkerung auf 6 Milliarden Menschen gab Anlaß für das Thema über die
‘Tragfähigkeit der Erde’, das Prof. Voss von der TU Berlin behandelte. Er stellte heraus, daß in vielen Ländern immer deutlicher die ökologischen Grenzen eines ungehemmten Wachstums erkennbar werden. Mit
Blick auf einen in absehbarer Zeit vorausgesagten Bevölkerungsanstieg auf 8 Milliarden Menschen, sah der Referent für die nächsten 30-50 Jahre außerordentliche Schwierigkeiten voraus.
Anläßlich der Symposien (s. unten) fanden zwei öffentliche Abendvorträge statt: Prof. Wildung vom Ägyptischen Museum Berlin gab einen spannenden Bericht über die Ausgrabungen in Naga/Nordsudan,
wobei er den Ort als ein ‘archäologisches Biotop’, das zugleich Zentrum des heutigen Lebens der Nomaden ist, herausstellte. Im Rahmen des Workshops über Oder und Weichsel bot sich für den allgemeinen
Vortrag das Thema Flußlandschaften und ihre Besonderheiten an.
Für ein spezielles Thema konnte Prof. Windhorst (Vechta) gewonnen werden: Aufgrund eigener Erfahrungen berichtete er über die Religionsgruppe der Amish in Pennsylvania (USA). Dabei stellte er das
Spannungsfeld zwischen Tradition und Modernisierung sowie Konflikte und Herausforderungen, denen sich die Gruppe ausgesetzt sieht, heraus. Durch den Glauben und den Zusammenhalt sowie durch ein ‘vorsichtiges
Taktieren’ dürften die Amish die bevorstehenden Krisen jedoch überstehen.
In einer internen Sitzung sprach Prof. Huettle (Cottbus) über die Ökosysteme der nordostdeutschen Wälder, womit er sich dem Vorstand und Beirat der GfE vorstellte.
GeoGalerie
Es konnten drei Austellungen gezeigt werden: Eine erste von Februar bis April hatte Zeichnungen von ‘Hölzernen Haustüren im Jemen’ zum Inhalt, die von Traugott Wöhrlin (Kirchzarten)
angefertigt wurden. Kunstvoll geschnitzte Türen sind in diesem Land eine alte Tradition, die leider abgerissen ist und unterzugehen droht. Die Dokumentation konnte bereits 1999 als deutscher Beitrag zum 30jährigen
Jubiläum diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern in Sana’a gezeigt werden und fand dort positive Reaktionen. Es ist zu hoffen, daß die Kultur wieder stärker in das Blickfeld gerückt wird.
Während der Sommermonate stellte die Berliner Malerin Regina Schulz Aquarelle von Bäumen und Blumen aus. Die Bilder fanden große Aufmerksamkeit und manchen Käufer, was für die Künstlerin spricht
und die GeoGalerie bekannter machte.
Die Sudan-Tagung im Oktober wurde von einer Ausstellung von Fotographien über den Nordwest-Sudan begleitet, die Stefan Kröpelin vom Heinrich-Barth-Institut in Köln zusammenstellte. Die Dokumente
spiegelten Vergangenheit und Gegenwart der Region wider und veranschaulichten die wissenschaftlichen Ergebnisse der Tagung - eine gelungene Ergänzung.
Exkursionen
Zwei eintägige Exkursionen führten in den Stadtraum Berlins: Ziel einer ersten Wanderung war der Südosten mit Schöneweide und Köpenick. Thematisch wurden Aufstieg, Blüte und Niedergang des
Industriegebietes einschließlich der Wohnbedingungen und der gegenwärtigen Umgestaltung vorgeführt. Ferner standen Geschichte und aktuelle Veränderungen im städtischen Zentrum von Köpenick auf dem Programm.
Ein sehr spezielles Ziel verfolgte eine Wanderung in Stadtmitte. Im Roten Rathaus und im Nikolaiviertel lassen sich ‘Naturwerksteine’ entdecken, von denen die Architektur sowie die
technische und künstlerische Gestaltung von Gebäuden und anderen Werken beeinflußt werden. Für die Teilnehmer ergaben sich interessante Erkenntnisse.
Vom 13.-20.4. unternahmen der Vorsitzer und Mitarbeiter der GfE eine Exkursion durch Polen mit den Stationen Wroclaw (Breslau), Krakow (Krakau), Kielce, Czestochowa (Tschenstochau), Poznan
(Posen). Auf Einladung von Herrn Julius Braun vom polnischen Funk und Fernsehen konnten eingehende Stadtführungen und Besichtigungen vorgenommen werden. Es wäre zu wünschen, wenn über die Kontakte weitere
Exkursionen nach Polen stattfinden könnten.
Karl Lenz (Berlin)
Symposien
2. Erdsystemwissenschaftliches Symposium ‘Aktuelle geowissenschaftliche und archäologische Forschungen im Sudan’
Die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin veranstaltete am 6. und 7.10.2000 im Alexander-von-Humboldt-Haus ein internationales Symposium, das aktuellen Forschungsaktivitäten in der Republik Sudan
gewidmet war. Die Veranstaltung hatte zum Ziel, über den Stand geowissenschaftlicher, archäologischer und thematisch verwandter Forschungsprojekte im größten Flächenstaat Afrikas zu informieren und zugleich einen
fachlichen Austausch zwischen den zur Zeit im Sudan tätigen Forschergruppen zu ermöglichen. Im Mittelpunkt standen dabei Untersuchungen zum Landschafts- und Kulturwandel in der südöstlichen Sahara, archäologische
Ausgrabungen im Niltal sowie benachbarte Themen wie Ökologie, Ethnologie, Naturschutz und Fernerkundung.
Auch zu Beginn des neuen Jahrhunderts bietet der Sudan aufgrund seiner Ausdehnung, der vielfältigen naturräumlichen Ausstattung, der weitgehenden Unberührtheit seiner Wüsten und der reichen
kulturellen Vergangenheit noch ein breites und in vieler Hinsicht besonders lohnenswertes Betätigungsfeld für erdsystemwissenschaftliche und archäologische Forschungen. Das in den vergangenen Jahrzehnten in den
Hintergrund gerückte Land erfährt gegenwärtig ein wachsendes wissenschaftliches, wirtschaftliches und auch öffentliches Interesse.
Auf der Tagung waren nahezu alle gegenwärtig im Sudan tätigen Forschergruppen des In- und Auslands vertreten. Es war ein ausgesprochener Glücksfall, daß die angeschriebenen Referenten, von denen
die meisten seit Jahrzehnten im Sudan forschen, mit wenigen Ausnahmen zusagen konnten. Abgeschlossene Projekte wie etwa der Berliner Sonderforschungsbereich 69, dessen Ergebnisse bereits vollständig publiziert sind,
konnten im gegebenen Zeitrahmen nicht berücksichtigt werden.
Die rund 20 Referenten aus Europa und dem Sudan gaben in 30-minütigen Vorträgen einen Überblick über ihre neuesten und weitgehend noch unveröffentlichten Forschungsergebnisse. Die jeweils
anschließenden 15 Minuten wurden ausgiebig zur Diskussion und Vertiefung der Vortragsinhalte genutzt.
Das Symposium begann am Freitagmorgen mit der Begrüßung durch den Vorsitzer Dr. Dieter Biewald und einem Grußwort des scheidenden Botschafters der Bundesrepublik Deutschland im Sudan, Dr. Werner
Daum, der durch sein besonderes persönliches Engagement während seiner Amtszeit viel zu einer fairen Behandlung des Sudan beigetragen und die wissenschaftlichen Vorhaben im Lande in jeder Weise unterstützt hat.
Zu Beginn der wissenschaftlichen Vorträge erläuterte Dr. Stefan Kröpelin vom Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln das Programm und die oben erwähnten Leitlinien und Ziele des zweitägigen
Symposiums.
Der Direktor der Geological Research Authority of Sudan, Dr. Omer Mohamed Kheir (Khartum), der an der Technischen Universität Berlin promoviert und die geowissenschaftlichen Feldarbeiten im
Nord-Sudan während der vergangenen 10 Jahren maßgeblich unterstützt hat, gab in seinem Vortrag einen Überblick über die laufende Mineralprospektion und -ausbeutung, wobei der in den letzten Jahren intensivierte
Goldabbau und die umfangreiche Ölförderung, die erstmals den nationalen Bedarfs sichert, im Vordergrund standen.
Die folgenden Vorträge des ersten Tages waren den archäologischen Ausgrabungen im sudanesischen Niltal gewidmet. Diese zum Teil seit Jahrzehnten andauernden Arbeiten, welche bisher oft im
Schatten der Ausgrabungen im ägyptischen Niltal standen, haben erst jüngst durch eine Reihe erfolgreicher Ausstellungen eine angemessene Beachtung gefunden.
Prof. Dr. Charles Bonnet (Landesarchäologe der Schweiz, Genf), der seit über zwanzig Jahren die umfangreichen Ausgrabungen in Kerma, der Residenz der nubischen Könige der gleichnamigen Kultur
(etwa 2500-1500 v.Chr.) am Südende des 3. Kataraktes, leitet, berichtete über spektakuläre Ergebnisse der letzten Grabungskampagnen, die u.a. weitere Grabanlagen mit massenhaften Rinderschädelbeigaben zum Vorschein
brachten.
Dr. Derek A. Welsby (Leiter der Sudan Archaeological Research Society, British Museum, London) stellte neue Einblicke in die Auseinandersetzung des prähistorischen Menschen mit den ständigen
Verlagerungen des Flussverlaufs während der frühen Besiedlung des nördlichen ‘Dongola Reach’, dem Nilabschnitt zwischen Karima und Dongola, vor.
Am Nachmittag folgte der Vortrag von Prof. Dr. Lech Krzyzaniak (Direktor des Archäologischen Museums Posen), in dem er den geomorphologisch-palökologischen Aspekten des langjährigen
Kadero-Projekts, die Ausgrabungen einer 20 km nördlich von Khartum gelegenen frühneolithischen Siedlung, besonders hervorhob.
Dr. Jacques Reinold (Paris), der bis vor kurzem als Leiter der Französischen Archäologischen Mission im Sudan fast zwanzig Jahre lang in Khartum ansässig war, stellte neue Funde und Befunde im
Wadi el-Khowi, einer Schwemmlandebene am rechten Nilufer südlich des 3. Katarakts, vor, wo Mitte des 5. vorchristlichen Jahrtausends neolithische Friedhöfe mit über 1000 Gräbern angelegt wurden, die eine deutliche
‘Topo-Chronologie’ in Abhängigkeit der alten Nilläufe aufweisen.
Es war eine besondere Ehre, Dr. Friedrich Hinkel (Forschungszentrum Sudan, Berlin), der in den Sechziger Jahren während des Baus des Assuan-Staudamms die Rettungsaktionen der nubischen Denkmäler
im Sudan leitete und u.a. das Nationalmuseum in Khartum erbaute, als Redner gewonnen zu haben. In seinem Vortrag ‘Meroe - Gefahren für ein historisch-geformtes Landschaftsbild’ berichtete er über die
Architektur und die Zerstörungen, Gefährdungen und Wiederaufbaumaßnahmen des großen Pyramidenkomplexes des meroitischen Königreichs (300 v.Chr.- 350 n.Chr.).
Dr. Pawel Wolf (Berlin) behandelte in seinem Beitrag die laufenden Ausgrabungen der Arbeitsgruppe des Instituts für Sudan-Archäologie an der Humboldt-Universität Berlin um Prof. Dr. Steffen Wenig
am Sonnentempel von Musawwarat es Sufra und erläuterte neue Einsichten in die klimatischen und topographischen Rahmenbedingungen sowie die Bedeutung des Ortes während der meroitischen Epoche.
Im öffentlichen Abendvortrag stellte Prof. Dr. Dietrich Wildung (Direktor des Ägyptischen Museums Berlin) die Grabungen des Museums in Naga vor. Der mitreißend gehaltene Vortrag vor vollbesetztem
Saal zeigte in illustrativen Lichtbildern den gegenwärtigen Stand und die großen Fortschritte der Restaurierungen der meroitischen Tempel und Anlagen in Naga, der bis vor kurzem letzten ungegrabenen
‘Perle’ der antiken Vergangenheit des Sudan.
Noch am Abend wurde die Ausstellung der GeoGalerie ‘Der Nordwest-Sudan - Vergangenheit und Gegenwart’ eröffnet. Sie zeigte eindrucksvolle Fotos von S. Kröpelin über die
geoarchäologischen Geländearbeiten in der südöstlichen Sahara und die erste Gesamtbefahrung des 1200 km langen Wadi Howar, des ehemals größten Nebenflusses des Nil aus der Sahara, vom Quellgebiet an der
Tschad-Grenze bis zur ehemaligen Mündung gegenüber von Old Dongola. Karten und Fotos von E. Klitzsch informierten über die Geologie des Sudan. Der begleitende Buffetempfang wurde intensiv und bis spät in den Abend
zu vertiefenden Gesprächen zwischen den Teilnehmern und Referenten genutzt.
Am Samstagmorgen wurde die Vortragsreihe von Dr. Mutasim Bashir Nimir (Direktor des Dinder National Park, Khartum) eröffnet. Der sudanesische Ökologe berichtete über den gemeinsam mit dem Kölner
Sonderforschungsbereich 389 / Teilprojekt Sudan von einem multidisziplinären Team durchgeführten Survey zur Vorbereitung des im Nordwest-Sudan geplanten ‘Wadi Howar National Park’. Dr. Nimir überbrachte
in seinem Beitrag die freudige Nachricht, daß infolge dieses Unternehmens die Regierungen der zuständigen drei Nordstaaten des Sudan (Northern State, Northern Darfur und Northern Kordofan) der Ausweisung der
gesamten vorgeschlagenen Fläche von 100.000 km² als Schutzgebiet zugestimmt haben, womit die wesentliche Voraussetzung zur Einrichtung des größten Naturschutzgebiets der Erde geschaffen wurde.
Anschließend gab Dr. Stefan Kröpelin (Leiter des Teilprojekts Sudan, SFB 389 an der Universität Köln) einen Überblick über die laufenden Geländeforschungen zum Klima- und Umweltwandel der
südöstlichen Sahara im Rahmen des 1995 gegründeten Sonderforschungsbereichs 389 ‘Kultur- und Landschaftswandel im ariden Afrika’ (ACACIA). Dabei standen neue paläoklimatische Daten und überraschende
Funde aus dem sogenannten ‘Wadi Hariq’, einem schwer zugänglichen Talsystem im abgelegenen Zentrum der südöstlichen Sahara, im Mittelpunkt. Der in dieser Form bisher einmalige Fundkomplex aus
Seeablagerungen mit eingelagertem prähistorischem Material und abgebrannten Wäldern aus der relativ späten Zeit des 3. vorchristlichen Jahrtausend gibt Anlass zu neuen Hypothesen zum Klimaverlauf und möglichen
Wechselwirkungen mit den Nil-Kulturen.
Dr. Philipp Hoelzmann (Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena) präsentierte neue Ergebnisse zum Zusammenhang von früh- und mittelholozäner Seenentwicklung und prähistorischer Besiedlung am
Beispiel des sogenannten West Nubian Palaeolake Basin, dem im östlichen Vorland des Ennedi-Gebirges gelegenen ehemals größten Seegebiet der östlichen Sahara. Aufgrund von Präzisionshöhenmessungen mithilfe des
differentiellen Global Positioning System konnten erstmals die früheren Seespiegelstände verlässlich festgelegt und anhand von umfangreichen Keramikfunden mit den Siedlungsphasen korreliert werden.
In ihrem Beitrag ‘Vom Jäger-Sammler zum Hirten: Neue Grabungen im Wadi Howar’ gab Dr. Birgit Keding (Teilprojekt Sudan, SFB 389, Köln) eine Zusammenfassung der archäologischen
Arbeiten des Sonderforschungsbereichs 389 in den Jahren 1995-1999. Dabei zeigte sich ein deutlicher Wandel in den Siedlungsmustern und der Wirtschaftsweise der Bewohner des Wadis, welche von Fischer-Jäger-Sammlern
(etwa 5200-4100 v.Chr.) über Rinderhirten (ca. 4000-2500 v.Chr.) zu Rinder- und Kleinviehhaltern (etwa 2300-1300 v.Chr.) überging.
Der Archäozoologe Dr. Hubert Berke (Teilprojekt Sudan, SFB 389, Köln) berichtete in seinem Beitrag ‘Gunsträume und Grenzbereiche - Archäozoologische Ergebnisse aus dem Nordwest-Sudan’
über den aktuellen Wissensstand zur natürlichen und domestizierten Tierwelt in der östlichen Sahara während der holozänen Feuchtphase. Die in detaillierten Grabungen in archäologischem Kontext geborgenen und zum
großen Teil vor Ort bestimmten Faunenreste ergänzen das bisherige Bild der Verbreitung der Wildtiere durch die zahlreichen Nachweise von Haustieren wie Rind, Esel, Schaf und Ziege, die neues Licht auf die Nutzung
der ‘grünen Sahara’ durch den neolithischen Menschen werfen.
Zum Abschluß des den geoarchäologischen Arbeiten in der Südost-Sahara gewidmeten Vormittagsblocks stellte Dipl.-Geogr. Stefanie Nussbaum (SFB 389, Köln) die botanischen Aufnahmen anlässlich des
erwähnten Surveys entlang des gesamten Wadi Howar vor. Dabei standen neben einer Bestandsaufnahme der Vegetation in den jeweiligen Talabschnitten die Entdeckung des spektakulären artenreichen Relikt-Waldes im
Oberlauf und die deutliche Zunahme des aktuellen Bewuchses im Unterlauf des Wadis im Vordergrund, die als erste Anzeichen ansteigender Niederschläge am Südrand der Sahara aufgrund der globalen Erwärmung aufgefaßt
werden können.
Mit seinem Vortrag am Nachmittag eröffnete Prof. Dr. Ulrich Braukämper (Institut für Ethnologie, Universität Göttingen) die ethnologischen, geologischen und kartographischen Themen. In einem
umfassenden Überblick über frühere wie gegenwärtige ethnologische Forschungen in allen Teilen der Republik Sudan zeigte er auch deren Bezug zu Geschichte und Archäologie des Landes auf.
In seinem äußerst eindrucksvollen und denkwürdigen Referat schilderte Botschafter Dr. Werner Daum (Khartum, jetzt Harvard University, Cambridge, USA) die außergewöhnlich dramatischen
Bestattungsriten (Lebendbestattungen) im Südsudan, die als Parallelen zur archäologischen Evidenz im Sudan und zur protodynastischen Epoche Ägyptens betrachtet werden können.
Prof. Dr. Dietrich Klemm (Institut für Geologie der Ludwig-Maximilians-Universität München) berichtete anschließend über die in der Antike bearbeiteten Goldvorkommen und Abbaumethoden im
nordöstlichen Sudan und deren Bedeutung für die moderne Goldprospektion.
Prof. Dr. Bernd Meissner (Technische Fachhochschule Berlin), der in den vergangenen 20 Jahren gemeinsam mit dem ebenfalls anwesenden Prof. Dr. Franz List von der Freien Universität Berlin eine
große Anzahl topographischer und thematischer Kartenwerke der Ostsahara erstellt hat, stellte neue Fernerkundungsdaten, insbesondere die beachtlichen Geländemodelle der jüngst erfolgten Shuttle Radar Topography
Mission, als Impulse für die Geoforschung zwischen Tschadsee und Rotem Meer vor.
Den letzten Vortrag des Symposiums hielt Prof. Dr. Eberhard Klitzsch (Institut für Angewandte Geowissenschaften, Technische Universität Berlin), der Sprecher des 1981-1995 im Sudan tätigen
Sonderforschungsbereichs 69 ‘Geowissenschaftliche Probleme in ariden und semiariden Gebieten’, des bis dato umfangreichsten geologischen Großforschungsprojekts in Afrika. Herr Klitzsch stellte
verbleibende Forschungsprojekte im Sudan aus geowissenschaftlicher Sicht vor und betonte die Verantwortung der in Afrika tätigen Forschergruppen gegenüber den Partnerländern und Partnerinstitutionen.
In der Abschlußdiskussion und den Schlußworten wurden neben den wissenschaftlichen Resumés übereinstimmend die günstigen Arbeitsbedingungen im Sudan und die Gastfreundschaft seiner Bewohner
hervorgehoben. Nach Ansicht vieler Teilnehmer war es gelungen, den Austausch zwischen der geowissenschaftlich und der archäologisch ausgerichteten Geländeforschung zu verbessern und die traditionelle Kluft zwischen
den im Niltal und den in den nilfernen Wüstengebieten tätigen Arbeitsgruppen zu verkleinern. Es ergaben sich manche verfolgungswerte Querverbindungen zwischen den vertretenen Disziplinen und viele Anregungen für
künftige Forschungen im größten Land Afrikas.
Im Tagungsecho wurde die in dieser Form auf absehbare Zeit wohl kaum wiederkehrende Zusammenkunft von Sudan-Forschern als besonderes Ereignis gewürdigt, wobei gleichermaßen die vorzügliche
Organisation gelobt wurde. Dies war vor allem das Verdienst der Generalsekretärin Frau Dr. Kirsten Gehrenkemper, die das Symposium von den ersten Vorbesprechungen bis zum erfolgreichen Abschluß mit großem
persönlichem Einsatz betreute. Die Tagungsteilnehmer aus dem In- und Ausland werden Frau Gehrenkemper stets in guter Erinnerung behalten und Ihr ein ehrendes Andenken bewahren.
Stefan Kröpelin (Köln)
Entwicklung und Potentiale von Oder und Weichsel - ein Workshop der Gesellschaft für Erdkunde
Am 27. Oktober 2000 fand in den Räumen des Alexander-von-Humboldt-Hauses der Gesellschaft für Erdkunde ein Workshop zu Entwicklung und Potentialen von Oder und Weichsel statt. Er wurde von etwa
50 Teilnehmern besucht und gliederte sich in drei Themenbereiche: ‘Entwicklungen und Ver-gleiche’,‘Oderhochwasser von 1997’ und ‘Ausblicke und Planungen’. Er endete mit einem
Abendvortrag von Herrn Falter: ‘Erfahrungspotentiale in Flußlandschaften oder wie läßt sich das Individuelle eines Flusses charakterisieren’?
Im ersten Abschnitt stellte Herr Kollege Kowalczak vom Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft in Posen Weichsel und Oder im Vergleich dar. Nach diesen hydrologisch-geographisch
orientierten Darstellungen folgten Ausführungen von Carls und Nitz (Humboldt-Universität Berlin) zur weich-seleiszeitlichen Entwicklung des Beckens des Oderbruchs und von Herrn Schmook (Museum Bad Freienwalde) über
die Auswirkungen der friderizianischen Oderregulierung auf das Siedlungsbild im Oderbruch. Abschließend stellte Herr Dister (WWF Aueninstitut, Rastatt) den neuen und umfassenden Oder-Auen-Atlas vor.
Nach der Mittagspause wurde über das Oderhochwasser von 1997 und seine Folgen berichtet und diskutiert. Verlauf und Entwicklung dieses Hochwassers stellte der Kollege Kowalczak aus Posen vor,
während von Seiten des Landesumweltamtes Brandenburg Jungfer und Gierk über die Konsequenzen aus der Hochwasserkatastrophe berichteten. Einen Ausblick über die Sedimentablagerungen in den Auen während eines
derartigen Hochwassers vermittelte an Beispielen von der oberen Weichsel und der oberen Oder Frau Czajka-Kaczka (Schlesische Universität, Sosnowiec).
Abschließend stellten die Kollegen Majewski (Polnische Akademie der Wissenschaften, Danzig), Dittrich (Technische Universität Karlsruhe), Zygarlowski und Kowalczak (Meteorologie und
Wasserwirtschaft in Posen) mit den Themen ‘Neue Ansätze zum Flußmanagement’, ‘Umgestaltung von Flüssen’ und ‘Ideen zum und Entwicklungen im Flußbau’ Beispiele und Ansätze der
aktuellen Diskussionen zum Flußbau vor.
Die Vortragenden und die Teilnehmer hatten in den Pausen genügend Zeit für anregende Diskussionen. Dabei stellte sich heraus, daß der Gedankenaustausch unter polnischen und deutschen Kollegen
noch immer keine alltägliche Angelegenheit ist und insbesondere die Probleme einer Neuorientierung des Flußbaus in den beiden Territorien sehr unterschiedlich behandelt werden.
Die Vortragenden des Workshops kamen überein, die Beiträge in einem Sonderband zu publizieren. Es ist auch beabsichtigt, in etwa fünf Jahren eine entsprechende Tagung durchzuführen und dann die
Flußsysteme Elbe, Oder und Weichsel vergleichend zu behandeln.
Peter Ergenzinger (Berlin)
Nachtrag zur Baikal-Sed-Tagung (1999)
Von dem im November 1999 im Hause der GfE durchgeführten Erdwissenschaftlichen Symposium ‘Geotectonic Activities and Climate Change in the Baikalian Region’ liegt eine Publikation
aller Referate der russischen und deutschen Teilnehmer vor: Terra Nostra, Schriften der Alfred-Wegener-Stiftung 2000/9 (zu beziehen über die Stiftung, Arno-Holz-Str. 14, D-12165 Berlin, Tel. (030) 79013740, Fax
(030) 79013741, http://www.geo-union.de).
Karl Lenz (Berlin)
Von Humboldt-Ritter-Penck-Stiftung
Die Stiftung hat seit ihrer Neugründung im Jahre 1959 Generationen junger Geographen gefördert. Mit einer neuen Satzung vom Mai 2000 konnte sie sich auch anderen Geowissenschaften öffnen. So
heißt es ganz im Sinne Alexander von Humboldts: ‘Die Stiftung dient der Förderung der Geographie im weitesten Sinne, insbesondere der Förderung des Nachwuchses.’
Hauptsächlich Studenten und Doktoranden der Berliner Universitäten sowie der Potsdamer Universität haben die Stiftung in Anspruch genommen. Um einen möglichst breiten Effekt zu erzielen, wurden
bisher weitgehend Einzelstipendien bis zu DM 2500 vergeben. Hierfür wurden zur Verfügung gestellt: 1997 DM 26.073, 1998 DM 18.280,1999 DM 2.810 und 2000 DM 11.000.
Um den wissenschaftlichen Anspruch der Stiftung noch stärker als bisher zu betonen, wird der Humboldt-Ritter-Penck-Preis für junge Geowissenschaftler vergeben. Es handelt sich hierbei um einen
dreiteiligen Förderpreis für herausragende Arbeiten zu einem vom Kuratorium der Stiftung vorgegebenen Thema. Der erste Preis ist mit DM 5.000, der zweite mit DM 3.000 und der dritte mit DM 1.000 dotiert. Nach 1994
und 1995 fand zuletzt 1998 eine Preisverleihung statt. Eine weitere Auslobung ist für 2002 geplant.
Einen neuen Weg in der Begabtenförderung beschreitet die Stiftung in der erstmaligen Vergabe eines Dissertations-Stipendiums. Auf der Grundlage gutachtlicher Stellungnahmen erhielt der Student
Matthias Rosenberg aus Leipzig im Januar 2001 den Zuschlag. Sein Rahmenthema: ‘Potentiale und Risiken für den Wasser- und Stoffhaushalt durch Extensivierung und Intensivierung seit der politischen Wende im
Lößgebiet und Mittelgebirgsraum des Saaleeinzugsgebietes - ein Beitrag zur Entwicklung eines integrierten Flußgebietsmanagements in den Neuen Bundesländern.’ Ihm wird für die Dauer von drei Jahren ein
monatlicher Zuschuß von DM 1.500 zur Lebenshaltung sowie ein jährlicher Zuschuß von DM 2.000 für Feldarbeiten zuteil. Insgesamt stellt die Stiftung DM 60.000 hierfür bereit. Von dem Erfolg dieses Projekts,
insbesondere der wissenschaftlichen Qualität der Dissertation, hängt entscheidend ab, ob die Stiftung auch zukünftig in dieser Form fördern wird.
Jürgen Brodkorb (Berlin), Kuratoriumsvorsitzender
Organisatorisches
Im Berichtsjahr fanden zwei Sitzungen von Vorstand und Beirat sowie zwei Mitgliederversammlungen (am 9.6. und 1.12.) statt. Im Mittelpunkt standen die Berichte des Vorsitzers über die Aktivitäten
der Gesellschaft, die zustimmend aufgenommen wurden und zu Aussprachen führten. Vorschläge und Anregungen von den Mitgliedern wurden diskutiert. Die Entlastung des Vorstandes sowie Bestätigungen, Neuwahlen und
Satzungsänderungen mußten aus technischen Gründen auf eine erneute Mitgliederversammlung am 2. März 2001 verschoben werden.
Ergebnisse laut Protokoll:
Für das Projekt eines Anbaus auf dem Grundstück der GfE, der für Büros geowissenschaftlicher Institutionen vorgesehen war, konnten die beantragten Lottomittel nicht bewilligt werden, da noch
keine verbindlichen Zusagen der Verbände vorlagen. Der jährliche Zuschuß des Senators für Kultur in Höhe von DM 150.000 ist für das Jahr 2000 gestrichen worden und wird voraussichtlich nicht wieder aufgenommen.
Damit muß die gesamte Finanzierung des Haushaltes künftig von der Stiftung der GfE übernommen werden.
Durch die Umlage des Stiftungskapitals auf vermehrte festverzinsliche Wertpapiere kann der Jahreshaushalt der GfE von rund DM 300.000 gesichert werden, weitere größere Ausgaben sind allerdings
nicht möglich. Die Kapitalgrundlage der Stiftung beträgt z. Z. ca. 6,4 Mio. DM.
Die Satzungsänderungen wurden von Herrn Rechtsanwalt Herrmann ausführlich begründet. Sie beziehen sich auf die Paragraphen 7 und 8 der bestehenden Satzung:
- § 7 bleibt unverändert. Ein Quorum wird nicht ein-geführt.
- § 8 Zusatz: Der Generalsekretär gehört dem Vorstand mit beratender Stimme an.
- § 8 Zusatz: Der Vorstand wird auf die Dauer von drei Jahren gewählt. Er bleibt bis zur Neuwahl im Amt.
Der Jahresabschluß 1999 wird mit ausgeglichener Rechnung vorgestellt, die Rechnungsprüfung hat keine Beanstandung ergeben. Darauf folgte die Entlastung des Vorstandes.
Bestätigung des Vorstandes: Für das Geschäftsjahr 2001 wird Herr Dr. D. Biewald einstimmig als Vorsitzer bestätigt. Vorstandsmitglieder bleiben weiterhin Frau Prof. M. Böse und die Herren Prof.
P. Ergenzinger, Prof. J. Negendank und Prof. E. Kulke.
Aus dem Beirat scheiden turnusmäßig Frau Dr. K. Zillbach und die Herren Prof. H. Burkhardt und B. Goldmann aus. Neue Mitglieder des Beirates sind Prof. H. Asche, Prof. W. Heller und Prof. R.
Hüttl, alle von der Universität Potsdam.
Als künftige Rechnungsprüfer werden Frau L. Poritz und Herr F. Poppe, als deren Stellvertreter Frau C. Schubert und Frau I. Piechocki gewählt.
Mitglieder
Es verstarben:
Helmut Ney (Nauen) Hans-Martin Wienke (Schieder-Schwalenberg) Prof. Dr. Wilhelm Wöhlke (Berlin)
Neue Mitglieder:
Wolfgang Crom (Berlin) Prof. Dr. Jörg Grunert (Mainz) Rita Holthoff (Berlin) Gisela Jöhren (Berlin) Thomas Süß (Hoyerswerda) Frank Wende (Berlin) Dr. Bernd Wünnemann (Berlin)
Bernd Zolitschka (Berlin)
Wissenschaftliche Vorträge:
Dr. Gerhard Berz (München) Weltweite Zunahme der Naturkatastrophen: Auswirkungen der Klimaänderung?
Prof. Dr. Horst Malberg (Berlin) Der Treibhauseffekt im Kreuzverhör
Prof. Dr. Wolf Dieter Blümel (Stuttgart) Klimawandel - Auswirkungen auf Landschaftsentwicklung und Kulturgeschichte
Prof. Dr. Eckart Dege (Kiel) Sinkiang - Chinas ‘wilder Westen’ zwischen Tradition und Moderne
Prof. Dr. Hermann Kreutzmann (Erlangen) Die Seidenstraße - Kreuzweg der Kulturen und jahrtausendealtes Handelsnetzwerk
Prof. Dr. Hanns J. Buchholz (Hannover) Hong Kong und Macau - Koloniale Vergangenheit, Stadtstaatstruktur, Funktion für Südostchina
Dr. Rainer Wehrhahn (Kiel) Megastadt Sao Paulo - Lebensverhältnisse und Umweltbedingungen
Prof. Dr. Frauke Kraas (Köln) Bangkok - Probleme der Alltagsbewältigung in einer Megastadt
Prof. Dr. Peter Meusburger (Heidelberg) Tokio - Ein Vorbild für Metropolen des 21. Jahrhunderts?
Besondere Vorträge:
Prof. Dr. Horst Kopp (Erlangen) Jemen auf der Suche nach neuen Entwicklungskonzepten
Prof. Dr. F. Voss (Berlin) Die Tragfähigkeit der Erde und die wachsende Erdbevölkerung
Prof. Dr. Dietrich Wildung (Berlin) Die Stadt in der Steppe - Berliner Ausgrabungen in Naga (Sudan)
Prof. Dr. Reinhard Falter Erfahrungspotentiale in Flußlandschaften oder wie läßt sich das Individuelle eines Flusses charakterisieren
Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst (Vechta) Die Amishen in der Lancaster County (Pennsylvania) - Beharrung und Wandel einer religiösen Minderheit
Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl (Cottbus) Waldökosysteme in Nordostdeutschland
Tagungen:
Aktuelle geowissenschaftliche und archäologische Forschungen im Sudan (s. Symposien)
Entwicklung und Potentiale von Oder und Weichsel. Workshop der Gesellschaft für Erdkunde (s. Symposien)
GeoGalerie:
‘Hölzerne Haustüren im Jemen’ Zeichnungen von Traugott Wöhrlin
‘Bäume und Blumen’ Aquarelle von Regina Schulz
‘Der Nordwest-Sudan - Vergangenheit und Gegenwart’ Fotographien von Stefan Kröpelin
Exkursionen:
Fahrt nach Polen (Vorsitzer und Mitarbeiter)
Entwicklung und Strukturwandel im Südosten Berlins (Schöneweide-Köpenick) Leitung: Dr. Jürgen Peters
Naturwerksteine im Roten Rathaus und Nikolaiviertel Leitung: Dr. Gerda Schirrmeister
Heinrich Barth und die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin
Die gemeinsam mit dem Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln durchgeführte Sudantagung legt es nahe, an die Verbindungen zwischen der GfE und dem bedeutenden Afrikaforscher Heinrich Barth
zu erinnern.
1821 in Hamburg geboren, zog es Barth zum Studium nach Berlin (1839-44), wo er eine Reihe von Fächern, wie Archäologie, Altertumskunde, Geschichte, Erdkunde und Philologie, belegte. Nach der
Promotion bereiste er fast alle Länder um das Mittelmeer und faßte seine Beobachtungen zur Habilitationsschrift zusammen. Diese -‘zwei Quartbände in enger Schrift’- wurde von Carl Ritter begutachtet, was
Barth stärker zur Geographie hinzog (Plewe 1963). Ritter, der 1828 die GfE mitgründete und bis zu seinem Tod,1859, ihr geistiger Mittelpunkt war, brachte Barth auch mit der damals noch wenig bekannten Vereinigung
zusammen.
Entscheidend für Barths weiteren wissenschaftlichen Weg war die Teilnahme an einer englischen Afrikaexpedition unter Leitung von James Richardson, wofür sich A. von Humboldt, C. Ritter und der
preußische Gesandte in London, von Bunsen, besonders einsetzten. Der Aufenthalt in Afrika sollte sich über 5 Jahre, von 1849 bis 1855, hinziehen. In dieser Zeit kamen Richardson und die deutschen Begleiter A.
Overweg und E. Vogel ums Leben, so daß Barth schon ab 1851 die Führung übernehmen mußte. Die Route führte von Tripolis aus durch die Zentralsahara nach Süden in das Gebiet um den Tschadsee mit den Handelsplätzen
Bagirmi und Kuka, sodann nach Westen über Kano, Sokoto bis Timbuktu. In dieser alten Karawanenmetropole für die westliche Sahara machte Barth über 7 Monate Station, ehe er wieder über Mursuk und Tripolis nach Europa
zurückkehrte.
Die Expedition wurde in den Sitzungen der GfE so genau wie möglich verfolgt, wobei die Nachrichten oft über England kamen. Mitteilungen und längere Abhandlungen erschienen in den von der GfE
herausgegebenen Monatsberichten und der folgenden Zeitschrift für Allgemeine Erdkunde. Ein leider nur unvollständig erhaltener Briefwechsel zwischen Ritter und Barth belegt die Anteilnahme an den Erfolgen wie auch
an den Rückschlägen, die durch Entbehrungen und Krankheiten oder durch Gewaltmaßnahmen einzelner Stammesherrscher zu ertragen waren (Plewe 1965). Zeitweilig gelangten keine Nachrichten nach Europa, und Barth wurde
bereits für tot gehalten. Mehrfach gingen die Geldmittel aus, und die GfE konnte, meistens mit Hilfe Alexander von Humboldts und teils aus der königlichen Privatschatulle, die Expeditionskasse wieder auffüllen. Eine
erste Übersendung von 1000 Talern konnte Carl Ritter im Jahresbericht 1849/50 mitteilen. Durch die eingehende Berichterstattung und die - wenn auch bescheidene - materielle Unterstützung erhielt die Reise Barths
auch eine nationale Bedeutung, wobei die GfE die Rolle eines Verbindungsgliedes zu den Forschern wahrnahm. Natürlich waren auch die anderen Geographischen Gesellschaften, vor allem die Royal Geographical Society in
London, dem Ausgangspunkt der Expedition, an einem Erfolg interessiert und unterstützten die Forschungen in Afrika.
Die Bemühungen wurden durch das fünfbändige Werk Barths ‘Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika in den Jahren 1849 bis 1855’ in reichem Maße gerechtfertigt. Es erschien
bereits 1857 in den Sprachen Englisch und Deutsch. Heinrich Barth wurde zur ‘führenden Persönlichkeit der europäischen Afrikaforschung’. Wenn auch die Beobachtungen weniger naturwissenschaftlich
ausgewertet werden und die Physiogeographie insgesamt zu kurz kommt, wie Kritiker bemängeln, ist doch die Breite der Studien beeindruckend. Hervorzuheben sind neben den Landschaftsbeschreibungen die Exkurse über
einzelne Völker und ihre Lebensweise, etwa über die Tuareg oder die Haussa. Neben ethnologischen und historischen Themen, wie z.B. Felsmalereien, die er zu interpretieren versucht, geht Barth auch linguistischen
Fragen nach und stellt ‘Vokabularien’ zusammen, mit denen er Sprachen vergleichen und historische Verwandtschaften nachweisen will. In der Vielseitigkeit der Themen drücken sich sowohl das breite Studium
an der Berliner Universität wie auch der Einfluß seines Mentors Carl Ritter aus.
Heinrich Barth leistete ‘echte Pionierarbeit’. Er konnte nachweisen, daß Afrika nicht geschichtslos ist, wie es in Europa noch vielfach angenommen wurde. Vielmehr beschrieb er
Kulturen und die Lebensweise von Völkern, die von der Landschaft und ihren Besonderheiten geprägt sind und ihre Traditionen haben. Wenn er auch manche Handlungen der Völker und ihrer Stammesherrschaften, wie z.B.
die grausamen Sklawenjagden, scharf verurteilte, erkannte er die Menschen und ihre Kulturen an. Das bezieht sich ebenfalls auf den Islam, und als einer der wenigen seiner Zeit lehnte er die Missionstätigkeit
christlicher Kirchen in Afrika ab.
‘Wer unter Völkerschaften des verschiedensten Charakters und den verschiedensten Glaubensformen gelebt hat und bei allen in ihrer Weise treffliche Menschen gefunden hat, der wird sich vor
der Einseitigkeit der Anschauung menschlicher Lenensverhältnisse bewahren’ (Barth 1859, zit. nach HeinrichBarth-Institut 1997: 4)
Nach der Publikation des großen Reisewerkes zog es Heinrich Barth wieder an die Berliner Universität zurück; 1863 erhielt er eine apl. Professur und betreute den Lehrstuhl seines Förderers und
Freundes Carl Ritter, der 1859 verstorben war. Die Verbindungen zur GfE wurden durch seine Wahl zum Vorsitzer (1863-65) gefestigt, was ihn wohl auch mit zum Verbleiben in Berlin bewog. Zahlreich waren die Ehrungen
aus aller Welt: die Geographischen Gesellschaften in London und Paris verliehen ihm ihre höchsten Medaillien, die Universität Oxford ernannte ihn zum Ehrendoktor. Noch mehrmals reiste Barth in ihm bekannte oder
fremde Länder des Mittelmeerraumes und publizierte die Ergebnisse seiner Beobachtungen. Am 25. November 1865 verstarb er - erst 44 Jahre alt - plötzlich in Berlin. Das Haus in Timbuktu, das ein Freund, Scheikh
al-Baggai, für seinen längeren Aufenthalt zur Verfügung stellte, dient heute als Gedenkstätte; das Heinrich-Barth-Institut an der Universität Köln stellte dafür Informationstafeln zusammen (1997).
Die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin begann mit Heinrich Barth eine neue Etappe ihres Wirkens (Lenz 1978). Standen in den ersten Jahrzehnten interne Sitzungen, in denen ein kleiner und
interessierter Kreis von Mitgliedern geographische Neuigkeiten austauschte und diskutierte, im Mittelpunkt, richtete sich künftig das Interesse auch auf Entdeckungsreisen, die organisatorisch begleitet und
finanziell unterstützt wurden. Damit begann die GfE ‘ein neues Stadium ihrer Tätigkeit für die Geographische Wissenschaft’, wie es Carl Ritter 1851 in den Monatsberichten (NF 8, S.3) bekannt gab. Ein
wesentlicher Initiator für die Erweiterung der Aufgaben war Heinrich Barth, der nach dem Tode Ritters (1859) die ‘Carl Ritter-Stiftung’ gründete, Spenden sammelte und selbst beträchtliche Summen
einzahlte (Koner 1866: 26f.). Anstelle der ‘Monatsberichte’ etablierte Barth die ‘Zeitschrift für Allgemeine Erdkunde’, die ab 1866 in ‘Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu
Berlin’ umbenannt wurde. Neben ‘Petermanns Geographische Mitteilungen’ stieg sie schnell zu einer führenden Publikationsreihe der Geographie auf.
So wurde die GfE zum Ausgangs- und Mittelpunkt vieler Entdeckungs- und Forschungsreisen, die zunächst nach Afrika, später auch in andere Kontinente und bis in die Antarktis führten. Nach dem Tod
von Heinrich Barth wurde sein Vermächtnis vor allem von Ferdinand v. Richthofen fortgesetzt: die Berliner Gesellschaft für Erdkunde fand damit einen ebenbürtigen Platz in der Reihe der bedeutenden Geographischen
Vereinigungen der Welt.
Literatur
Barth, H. 1857-58: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855 (5 Bände).- Gotha
Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln 1997: Heinrich Barth, zehn Seiten eines Afrikaforschers.- Köln
Henze, D. 1978: Encyclopädie der Entdecker und Erforscher der Erde 1.- Graz: 175-183
Koner, W. 1866: Heinrich Barth.- In: Zeitschr. der Gesellschaft f. Erdkunde zu Berlin 1: 1-31
Lenz, K. 1978: 150 Jahre Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin.- In: DIE ERDE 109 (1): 15-35
Plewe, E. 1963: Heinrich Barths Habilitation im Urteil von Carl Ritter und August Boeckh.- In: DIE ERDE 94 (1): 5-12
Plewe, E. 1965: Heinrich Barth und Carl Ritter. Briefe und Urkunden.- In: DIE ERDE 96 (4): 245-278
von Richthofen, F. 1928: Die Geographie im Ersten Halbjahrhundert der Gesellschaft für Erdkunde (Festrede zum fünfzigjährigen Stiftungsfest der Gesellschaft, gehalten am 30. April 1878.- In:
Zeitschr. Gesellschaft f. Erdkunde zu Berlin.- Sonderband zur Halbjahrhundertfeier:15-30
Schiffers, H. (o. J.): Die große Reise. Dr. Heinrich Barths Forschungen und Abenteuer 1850-1855.- Minden (Westf.)
Schiffers, H. (Hrsg.) 1967: Heinrich Barth, ein Forscher in Afrika. Leben-Werk-Leistung.- Wiesbaden
von Schubert, G. 1897: Heinrich Barth, der Bahnbrecher der deutschen Afrikaforschung.- Berlin
Prof. Dr. Karl Lenz, Petzower Str. 30, D-14109 Berlin
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