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Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde 2001
Karl Lenz (Berlin)
Aus der Geschichte der Gesellschaft für Erdkunde:
Friedrich Schmidt-Ott, Vorsitzer in schweren Jahren
Es ist ein Zufall, dass die GfE nach dem Verlust ihres Hauses in der Berliner Innenstadt einen neuen Standort auf dem Fichtenberg in Steglitz fand, der dem Anwesen der Familie Schmidt-Ott gegenüber liegt
. Diese hatte sich hier bereits 1903 angesiedelt, die GfE weihte ihr Alexander-von-Humboldt-Haus 1967 ein. Die Besucher kommen über die Schmidt-Ott-Straße (seit 1960, davor Kaiser-Wilhelm-Straße) in die
Gesellschaft; auch trägt eine Schule in Steglitz seinen Namen.
Dieser Beitrag soll an den Vorsitzer der GfE, Friedrich Schmidt-Ott (1860-1956), erinnern, der das Amt in der schweren Zeit der nationalsozialistischen Diktatur übernahm und von 1937 bis 1941 ausübte. Danach
blieb er der Gesellschaft bis zu seinem Tode als Ehrenpräsident verbunden. Die Beziehungen zu seiner Familie haben sich erfreulicherweise erhalten, zunächst über Oberst a. D. A. Schmidt-Ott, danach durch
den Physiker Dr. Dietrich Schmidt-Ott, der bis heute am Leben der GfE teilnimmt. Wenige Jahre vor seinem Tod 1956 hatte der
über neunzigjährige Friedrich Schmidt-Ott seine Memoiren unter dem Titel ‘Erlebtes und Erstrebtes’ herausgegeben (Schmidt-Ott
1952). Auf dieses heute relativ seltene Buch stützt sich der folgende Beitrag besonders. Wertvolle Hinweise verdanke ich zudem seinem Sohn, Dr. Dietrich Schmidt-Ott.
Friedrich Schmidt-Ott entstammte einer bürgerlichen Familie, die sich im südwest- und westdeutschen Raum weit zurückverfolgen
lässt. Viele der Vorfahren waren bei der Kirche oder als Staatsbeamte, nicht selten in leitenden Positionen, tätig. Erst der Vater
gelangte 1863 in preußischen Diensten über Potsdam nach Berlin. ‘Christentum und Vaterland’ wurden von ihm als ‘die größten Lebensgüter’ anerkannt und weitergegeben (Schmidt-Ott und Zimmermann 1937:169).
Auch dessen Sohn, Friedrich Schmidt-Ott, folgte diesen Familientraditionen. Nach dem Studium der Rechte an verschiedenen
deutschen Universitäten trat er 1888 in den Dienst des Preußischen Kultusministeriums ein. Er sollte hier über 30 Jahre lang tätig
sein und erreichte am Ende seiner Laufbahn, 1917/18, die Position des Kultusministers. Die Revolution von 1918 zwang ihn zum
Rücktritt. Zum Vorbild, Mentor und Freund wurde ihm der im Ministerium vor allem mit Wissenschafts- und Hochschulpolitik
befasste Friedrich Althoff (gest. 1908). Schmidt-Ott übernahm dessen Arbeitsbereich, der zur Abteilung Wissenschaft und Kunst
erweitert wurde. Damit konnte er den Plan Althoffs, Forschungsinstitute ohne Lehrbetrieb zu etablieren, an maßgebender Stelle
mitgestalten. Eine herausragende Gründung war die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, die er
zusammen mit dem Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek und Theologen Adolf von Harnack 1911 durchsetzte. Schmidt
-Ott gehörte der Gesellschaft bis 1938 als Vorstandsmitglied und danach als Ehrensenator an. Sie setzt sich seit 1948 in der Max-Planck-Gesellschaft fort (Ficker 1955, Grimme 1956).
Schon früh wurden Schmidt-Ott Verantwortung und Förderung von wissenschaftlichen Einrichtungen übertragen, zu denen
zahlreiche Bibliotheken und Institutionen gehörten. Unter vielen anderen seien die geowissenschaftlichen Institute auf dem
Potsdamer Telegraphenberg sowie das Institut und Museum für Meereskunde genannt, das mit den Geographen Ferdinand von
Richthofen und Erich von Drygalski verbunden ist. Richthofen war lange Zeit Vorsitzer der GfE und trat sehr aktiv für sie ein, so
dass sich wohl über ihn erste Kontakte zu Schmidt-Ott ergeben haben. In diesen Rahmen gehört auch die Förderung der
Südpolarexpedition des Richthofen-Schülers von Drygalski (1901/03), für die das Forschungsschiff ‘Gauß’ konstruiert werden
musste. Der damit erfolgte Einstieg Deutschlands in die Antarktisforschung war ein wichtiges Thema auf dem Internationalen
Geographenkongress 1899 in Berlin, den von Richthofen leitete und an dem Schmidt-Ott teilnahm. Auch Aufgaben im Ausland
gehörten in seinen Bereich. So war er mit der Weltausstellung 1892 in Chicago befasst, musste sich dort aufhalten und schloss eine ausgedehnte Reise durch die USA an.
Als Schmidt-Ott den Staatsdienst 1918 aufgeben musste, nutzte er seine Erfahrungen und Kontakte in der Kultur- und
Wissenschaftspolitik weiter: Er begründete 1920 die ‘Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft’. Dabei handelte es sich um
einen Zusammenschluss von deutschen Akademien, Universitäten und Technischen Hochschulen sowie Wissenschaftsverbänden,
deren Forschungen und Arbeiten erhalten und gefördert werden sollten. Die Mittel dafür wurden vom Reich, den Ländern und der
Industrie über einen Stifterverband zur Verfügung gestellt. Es galt, eine umfangreiche Organisation aufzubauen, um die Projekte
zu begutachten und die Gelder sinnvoll einzusetzen – zweifellos eine außerordentliche Leistung, an der Schmidt-Ott großen Anteil
hatte. Er bezeichnete sein Wirken für die Notgemeinschaft als ‘eine große und vielleicht die schönste Aufgabe meines Lebens’ (Schmidt-Ott 1952: 174).
Die Förderungen, die der deutschen Wissenschaft von der Notgemeinschaft für Forschungsprojekte, Anschaffungen, Tagungen,
Reisen, Expeditionen etc. gewährt wurden, waren überaus vielseitig und breit gestreut. Auch die Geowissenschaften hatten
daran einen hohen Anteil. Nur wenige bekannte Expeditionen seien hier als Beispiele genannt, für die sich Schmidt-Ott in
besonderem Maße einsetzte und Anteil daran nahm: Die Deutsche Atlantische Expedition auf der ‘Meteor’ nach Plänen von Prof.
Alfred Merz (1925/27), die der ozeanographischen Erforschung der Meere diente; die von Carl Troll 1930 durchgeführte Anden
-Expedition; Forschungsreisen nach Zentralasien zum Altai und Pamir (Rickmers, Finsterwalder u.a.) oder die bekannte und tragisch endende Grönland-Expedition von Alfred Wegener (1930).
Auseinandersetzungen mit den Machthabern des NS-Staates zwangen Schmidt-Ott 1934 zum Rücktritt als Präsident der
Notgemeinschaft, die heute in der Deutschen Forschungsgemeinschaft weitergeführt wird. Wenn damit auch die tägliche Arbeit
abnahm, blieb doch ‚die Verwobenheit meines bisherigen Lebens’ bestehen (Schmidt-Ott 1952: 301), d.h. die Beziehungen im In- und Ausland rissen nicht ab.
In die Gesellschaft für Erdkunde war Friedrich Schmidt-Ott schon zur Zeit Richthofens eingetreten, seit 1936 gehörte er dem
Vorstand an (Schmidt-Ott 1952: 303f., auf diesen Seiten wird die Tätigkeit in der GfE beschrieben). Vorsitzer von 1931 bis 1933
war der Admiral Paul Behnke, den er von den Planungen der Atlantik-Expedition auf der Meteor in den 1920er Jahren gut kannte
und schätzte. Ihm folgte der Nachfolder A. Pencks auf dem Berliner Lehrstuhl, Norbert Krebs (1934-1936). Behnke blieb im
Vorstand und wurde für 1937 erneut als Vorsitzer gewählt, verstarb jedoch unerwartet im Januar des Jahres. Schmidt-Ott
verschloss sich nicht der Bitte, das Amt zu übernehmen, er glaubte, dies dem ‘lauteren Admiral Behnke’ schuldig zu sein. Wie so
oft vor und nach ihm musste sich der neue Vorsitzer zunächst um die Finanzen kümmern, da die ‘geschäftliche Lage der
Gesellschaft keine günstige sei, zumal der Generalsekretär Dr. Albrecht Haushofer vielfach anderweitig beschäftigt war’ und sie
‘gegen früher nur einen sehr bescheidenen Staatszuschuss bezog’. Auch musste die Zeitschrift immer wieder durch Beihilfen der
Notgemeinschaft gesichert werde. Es gelang, durch Beziehungen zum Oberkommando der Marine und der Kulturabteilung des
Auswärtigen Amtes Zuschüsse zu bekommen, und auch der Stifterverband stellte immer wieder Beträge für Zeitschrift und
Vortragsreihen zur Verfügung. Die Themen, von denen manche in der Zeitschrift publiziert wurden, handelten meistens von
fremden Kontinenten, ‘objektive durch Forschungen vertiefte und durch eigene Aufnahmen belegte Berichte über ferne Länder’
(Troll 1947: 11). Noch konnten Geographen auf Reisen und Expeditionen zurückgreifen, die sie z.B. nach Asien oder Südamerika
führten, ehe sich Deutschland durch die Kriegsvorbereitungen immer stärker von der Welt abschloss. Wie nicht anders zu
erwarten, traten verschiedene Referenten und Autoren für die idealistische Propaganda der NS-Diktatur ein. Dafür gibt es eine
Reihe von Beispielen, die in der Zeitschrift nachzulesen sind (bspw. Niedermayer 1940; der Verfasser war General und Professor
für Wehrgeographie und Wehrpolitik und leitete ein extra für ihn eingerichtetes Institut in Berlin). Jedoch waren dies eher
Ausnahmen. Einer der Vortragszyklen von 1941 umfasste Themen über Afrika und sollte die GfE stärker in den Mittelpunkt
kolonialen Interesses rücken (Schmidt-Ott 1941, 1952: 304). In dieser Zielsetzung kann man sicherlich auch eine Art Zweckpolitik
sehen, wurde doch – wie in Diktaturen üblich – immer damit gedroht, eine Zeitschrift zu verbieten oder das nötige
Papierkontingent nicht mehr zu bewilligen. So bedurfte es viel an diplomatischem Geschick, um die Zeitschrift der GfE weiter herauszugeben.
Ein besonderes Projekt leiteten Friedrich Schmidt-Ott und Carl Troll zur Förderung der Luftbildforschung in Deutschland ein. Troll
gehörte dem Vorstand der GfE an, obwohl er schon 1937 nach Bonn berufen wurde. Er blieb stets ein verlässlicher Ratgeber und
vertrauensvoller Freund. Ausgangspunkt des Projektes war sein Vortrag über ‘Geographische Forschung und Luftbildwesen’
anlässlich der 110. Jahresfeier der GfE 1938. Die Initiative wurde mit einer Konferenz 1942 fortgesetzt, auf der beschlossen wurde
, in der GfE eine Luftbildsammlung anzulegen und hier einen Mittelpunkt der internationalen Forschung und vor allem der
geographischen Auswertung zu schaffen. Wenn auch die Pläne durch den Krieg verhindert wurden und danach aufgegeben werden mussten, war die Aktion gleichwohl zur Rechtfertigung der GfE wichtig.
Eine von der NS-Partei und speziell dem Reichserziehungsministerium ausgehende Initiative war die Gründung einer ‘Deutschen
Geographischen Gesellschaft’ (DGG) 1941, zu der alle Geographischen Gesellschaften in Deutschland zusammengeschlossen
werden sollten. Die Maßnahme war wohl vor allem dazu gedacht, Vorträge und Publikationen stärker zu kontrollieren und
parteipolitisch auszurichten. Nach schwierigen Verhandlungen gelang es, die DGG als eine Art Dachgesellschaft zu installieren,
den einzelnen geographischen Gesellschaften jedoch ihre Selbständigkeit zu bewahren. Das trifft besonders für die GfE in Berlin zu
, die als ‘führend’ in Deutschland angesehen wurde. So wirkte sich der Versuch einer Gleichschaltung kaum aus und ging mit dem Kriegsende unter.
Ende 1941 gab Friedrich Schmidt-Ott sein Amt als Vorsitzer der GfE an den Gesandten a. D. Rudolf Asmis weiter. Dieser hatte vor
und nach dem ersten Weltkrieg große Teile Afrikas, Asiens und der Südsee intensiv bereist und zeigte sich geographischen
Entdeckungen gegenüber aufgeschlossen. Er selbst konnte auch in einige unbekannte Gebiete vordringen (Asmis 1941). Nach
Aussage von Carl Troll war Asmis ‘zwar Parteimann, aber als Diplomat alten Schlages so welterfahren, dass er keine tieferen
Eingriffe der Partei in das Leben der Gesellschaft duldete’ (Troll o.J.). Seit dem Ende des Krieges, 1945, ist R. Asmis mit unbekanntem Schicksal verschollen.
Friedrich Schmidt-Ott blieb der GfE als Ehrenpräsident auch weiter eng verbunden. Wie er schreibt, hat er der Gesellschaft ‘viel
Liebe und Fleiß gewidmet’. Nicht nur, dass er sie finanziell sicherte und ihre Verwaltung besser organisiert hat, von weitaus
größerer Bedeutung war, dass der GfE mit Friedrich Schmidt-Ott eine Persönlichkeit von besonderem Rang und Einfluss vorstand,
der man den Respekt nicht versagen konnte. In seinem jahrzehntelangen Wirken im Staatsdienst und in der Notgemeinschaft –
insgesamt von 1888 bis 1934 – hatte er die Kultur- und Wissenschaftspolitik in Deutschland wesentlich mitbestimmt. Seine
Verbindungen waren weitverzweigt; das Namensregister in seinen Memoiren verzeichnet annähernd 1000 Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland, die er kannte und mit denen er Umgang pflegte.
Vielfach wurde er von wissenschaftlichen Verbänden wie auch von der GfE gebeten, Ehrenämter zu übernehmen; als Zeichen der
Wertschätzung erhielt er Ehrendoktorate verschiedener Universitäten und Fakultäten, Medaillen, Festschriften und Würdigungen.
Praktische Hilfeleistungen ermöglichte ihm der Vorsitz im ‘Stifterverband der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft’, den
er bis 1945 innehatte und der sich dem Einfluss und der Kontrolle durch die NS-Partei weitgehend entziehen konnte.
Das Prestige, das sich Friedrich Schmidt-Ott durch sein Wirken für die deutsche Wissenschaft erworben hatte, kam auch der GfE
zugute. Damit konnte er Einflüsse und Forderungen der Partei abwenden bzw. gering halten. Für Carl Troll, seinen engsten
Vertrauten und Berater in den Jahren der NS-Herrschaft war ‘die Zusammenarbeit mit der greisen Exzellenz Schmidt-Ott eine der
schönsten Erinnerungen meines Lebens’ (briefl. Mitteilung an W. Behrmann vom 28.12.1953). Und in seinem Rückblick über die
Geographische Wissenschaft in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 bezeichnete er es als ‘Glück für die ganze deutsche
Geographie, dass in den Jahren der stärksten Anbrandung nationalsozialistischer Forderungen an die Wissenschaft das Steuer der
Gesellschaft für Erdkunde noch von Exzellenz Schmidt-Ott als erstem Vorsitzenden geführt wurde’ (Troll 1947: 11).
Ein gütiges Schicksal ließ ihn noch den Wiederbeginn der Gesellschaft für Erdkunde nach dem Krieg als Ehrenpräsident miterleben.
Literatur
Asmis, R. 1941: Erfahrungen aus meinen kolonialen Wanderjahren. – Zeitschr. d. Gesellschaft f. Erdkunde: 102-126
Ficker, H. 1955: Staatsminister a. D. Friedrich Schmidt-Ott zum 95. Geburtstag. – Forschungen und Fortschritte 29 (6): o. Seitenangabe
Grimme, A. 1956: Friedrich Schmidt-Ott. – Mitteilungen der Max-Planck-Gesellschaft 1956, Heft 2: 62-69
Niedermayer, O. 1940: Wehrgeographie am Beispiel der Sowjetunion. – Zeitschr. d. Gesellschaft f. Erdkunde: 1-29
Schmitt-Ott, F. 1941: Zum Geleit. – Einleitung der Zeitschr. d. Gesellschaft f. Erdkunde
Schmidt-Ott, F. 1952: Erlebtes und Erstrebtes, 1860-1950. – Wiesbaden
Schmidt-Ott, F. und W. Zimmermann (Hrsg.) 1937: Von den Vorfahren. Werden und Erleben eines deutschen Bürgerhauses. – o.O.
Troll, C. o.J.: Abwehrleistungen der Deutschen Wissenschaft gegen den Nationalsozialismus, Geographie’. Troll-Archiv, Bonn
Troll, C. 1947: Die Geographische Wissenschaft in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945. Eine Kritik und Rechtfertigung. – Erdkunde 1: 3-48
Prof. Dr. Karl Lenz, Petzower Str. 30, 14109 Berlin
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